Once in a Life Time

Blauer Himmel, leichter Wind, Badewetter. Die schwedischen Schären zeigen sich von ihrer besten Seite. Am Gästehafen der kleinen Stadt Stocken nördlich von Göteburg ganz im Westen der Insel Orust, stehe ich am Pier und bin aufgeregt. Durch den ersten Artikel über die Life 7.5 auf dieser Seite habe ich Kontakt zu Peter Keerberg, dem Mann hinter diesem neuen Boot, bekommen und eine Einladung erhalten, für Sportboot-Bodensee.org das Schiff ausgiebig zu testen.

Im kleinen, beschaulichen Hafen brummt es wie im Wespennest. Scheinbar jeder Schwede hat ein Boot und ganz Schweden nutzt das Kaiserwetter um das Wochenende auf oder am Wasser zu genießen. Zwischen zwei Schären taucht plötzlich ein kleines Motorboot auf, nach einer herzlichen Begrüßung mit Peter Keerberg geht es gleich los – bloß keine Zeit bei diesen perfekten Bedingungen verschwenden. Das Motorboot braust zwischen Felsen hindurch, links um eine Insel, rechts um eine Insel, wo kommen bloß all diese Inseln her? Wie soll man sich hier jemals zurechtfinden? Wir halten auf einen großen Sandstrand zu und am Ende einer in Heimarbeit mit Seezeichen schiffbar gemachten, schmalen Rinne liegt am Kopf eines kleinen Steges die Life 7.5.

Am markanten Heck mit Doppelruder hängt ein Torqeedo. Selbst die Motorhalterung wirkt edel, wird aber noch überarbeitet.

Wir legen neben der Life an und der erste Eindruck ist: Das ist kein Sportboot, das ist eine richtige Yacht! Durch das Fehlen eines direkten Vergleichs wirkt das 7,5 Meter lange Boot deutlich größer. Der Eindruck wird auch durch verschiedene Designbesonderheiten unterstützt. Kleine Seeschiffe wirken z.B. oft drollig durch zu groß gestaltete Seezäune, die auch auf einem 50 Fuß-Schiff passen würde. Yachtausrüster scheinen für alle Bootsgrößen nur einen Stapel an Seerelingsstützen zu haben – one size fits all.
Bei der Life erkennt man allerdings sofort, dass wirklich jedes Bauteil vor Einbau auf Funktion und Erscheinungsbild hin überprüft wurden. Durch die Stützen in der richtigen Größe wirkt das Boot einfach stimmig. Und steigt man auf das Boot überrascht die hohe Anfangsstabilität, auch hier wieder das Gefühl eine Yacht zu betreten.

Sehr klare Linien und stimmige, moderne Proportionen.

Die Segel sind bereits angeschlagen, wir setzen das Groß und zirkeln durch die schmale Rinne wieder hinaus. Ich bekomme die Pinne in die Hand gedrückt und gezeigt, in welche Richtung wir wollen. Und dann natürlich den Ratschlag, lieber sehr genau auf den GPS-Plotter zu achten.
Zum einfacheren Handling wird der große Code-0 ausgerollt und wir fahren sehr platt vor Laken knapp neben der Zwei-Meter-Linie entlang. Als Peter sagt, dass man dem Plotter sehr vertrauen kann, frage ich dann doch noch einmal sicherheitshalber nach, wie viel Tiefgang das Schiff wirklich hat. Endlich können wir ein bisschen anluven und kommen auf einen für solche Boote besseren Kurs. Die Life beschleunigt sofort, liegt aber vollkommen neutral auf dem Ruder. Gibt man leichte Impulse an der Pinne reagiert das Schiff sofort und agil, ansonsten fährt es wie auf Schienen. Es fühlt sich ein bisschen so an, wie ein Auto der Oberklasse, bei dem die Servolenkung je nach Fahrsituation mal mehr oder weniger stark unterstützt. Ein wirklich sehr ausbalanciertes Steuerverhalten.

Dennoch komme ich mir vor, wie der letzte Stümper an der Pinne. Nicht wirklich viel Platz zum Manövrieren, viele Segelboote links, rechts und entgegenkommend, Fahrwassertonnen und unendliche viele Motorboote. Ich krame tief im Hinterkopf nach den mal gelernten und am Bodensee nicht notwendigen “Kollisionsverhütungsregeln”, bin mir aber dann auch wieder nicht sicher ob das, was Peter lässig als Highway bezeichnet, nun sowas wie eine Seestraße, Fahrwasser oder sonstwas ist. Naja, die Motorboote machen alle artig Platz, auch wenn es gefühlt ein Gewusel wie mit den Motorrollern in einer italienischen Stadt zum Feierabend ist. Da wir zusätzlich das schnellste Segelboot weit und breit sind, stellt sich bezüglich der anderen Boote auch schnell Ruhe ein.

Die Schären sind ein Paradies für Wassersportler. Wenn das Wetter stimmt…

Drehende, unstete Winde am Bodensee? Zwischen den Schären dreht der Wind, hält manchmal durch Abdeckung kurz den Atem an und kommt dann plötzlich wieder. Peter trimmt geduldig den am halb ausgefahrenen Gennakerbaum angeschlagenen Code-0 nach, wenn ich mal wieder einen Haken schlage, weist grob die Richtung und lässt mich ansonsten machen. Oje, fast hätte ich vergessen, wieder einen Kontrollblick auf den Plotter zu werfen. Was wohl passieren würde, wenn ich mit 7 Knoten auf einen Felsen rausche?
Peter meint, dass wohl viele Touristen hier ungewollten Kontakt zum Felsen aufnehmen, aber ein gut gebautes Schiff erstaunlich viel aushalte. Außerdem sei durch die Hydraulik des Kiels eine weitere Sicherung verbaut. Bei einem Kontakt könne so dem Einschlag die Heftigkeit genommen werden, so dass es keine Strukturschäden gebe. Ich will es trotzdem natürlich nicht ausprobieren.

Wir kommen an dem bei Schweden und Touristen beliebten Örtchen Gullholmen vorbei. Ich habe eindeutig zu wenig Augen. Eines sollte für den Plotter da sein, eines für die anderen Schiffe, eines für die touristischen Highlights. Achja, das Groß sollte ich doch auch noch trimmen. Ich ziehe an der gut übersetzten Schot, die am Ende der Konsole griffbereit wartet, und sofort zeigt das Log ein, zwei Zehntel mehr an. Schade, dass ich das Boot nicht auch bei 20 Knoten testen konnte, ob da das Boot immer noch so steif und neutral segelt?
Das Groß sieht für das Boot sehr passend aus, es scheint auch bezüglich des Trimms sehr gutmütig zu sein, denn es Bedarf nicht viel Aufwand um einen soliden Trimm einzustellen – mehr rausholen kann man immer, das ist mir jetzt aber egal. Ich will meine Aufmerksamkeit endlich mal aufs Boot selbst richten.

Das mächtige Fathead passt zur kantigen Liniengebung des Bootes.

Wir tasten uns Richtung offenem Meer vor und ich habe endlich Zeit, mich mehr umzusehen. Alle Strecker und Fallen sind unter Deck geführt, liegen in absoluter Griffweite und haben zumindest für diese Windbedingungen um zehn Knoten ein gutes Übersetzungsverhältnis. Ein Traveller für die Großschot existiert zwar nicht, ich vermisse ihn aber auch nicht wirklich. Für harten Regattaeinsatz auf Up&Down-Kursen könnte man jedoch sicherlich ein paar Veränderungen einfließen lassen, aber das Hauptaugenmerk der Life ist sowieso eher, ein sehr schnelles und sportliches Fahrtenschiff mit der Möglichkeit für Regattaeinsatz zu sein.

Der Code-0 lässt sich bis etwa 40 Grad AWA hochziehen, die Life läuft dennoch weiter wie auf Schienen. Ich kann die Pinne bei jedem Steuerkurs loslassen und das Boot fährt geradeaus. Mir ist das so fast zu wenig Ruderdruck. Ich übertrimme das Groß deutlich und es stellt sich eine minimale Luvgierigkeit ein. Ob das so schnell ist? Keine Ahnung, aber so fühlt sich das Boot einfach toll an.
Unter Fock kreuzen wir wieder zwischen den Inseln zurück.

Obwohl es Baunummer eins ist und zuvor kein Prototyp gebaut wurde, sind erstaunlich wenig Dinge vorhanden, die bei nachfolgenden Booten geändert werden müssten bzw. schon bei Baunummer zwei bereits anders ausgeliefert wurden. Sofort fällt auf, dass die Fußleiste, mit der sich der Steuermann im Cockpit abstützen kann, für meine Beinlänge einen Tick zu hoch angebracht ist. Ebenso sind die Fockschoten, wenn man sie wie beabsichtigt auf der Luvwinsch belegt, jeweils einen halben Meter zu kurz.
Auch dass die im Bild unten dargestellte Klappe eine zu kleine Aussparung für die ganzen Leinen hat. Auf die Mehrzahl der wenigen Dinge, die sich bei späteren Booten ändern werden, muss Peter mich erst hinweisen, damit ich sie überhaupt entdecke: Die Beschläge für die Doppelruderanlage sind noch nicht perfekt, die Schalttafel für die Elektronik bekommt noch einen anderen Platz, die Hydraulik für den Kiel wurde verbessert und unter Deck kommen auf die Schrauben noch Hutmuttern. Aus meiner Sicht Kleinigkeiten an einem Schiff, das mit einer augenscheinlich enormen Bauqualität punktet. Laut Peter soll die polnische Werft, die auch schon die tollen Onyx gebaut hat, bei Baunummer zwei sogar noch schöner gearbeitet haben. Kaum vorstellbar.

Etwas zu viel des Guten ist die Lösung mit der Klappe. Die Öffnung für die Fallen könnte (und wird bei späteren Bauten) etwas größer sein. Die schwarze Leine links verstellt den Fockholepunkt. Die doppelt belegte Klemme ist für den Fockroller.

Unter Deck setzt sich das reduzierte Design fort, man merkt, dass Peter Keerberg nicht nur ein Händchen für Gestaltung hat, sondern auch, dass er natürlich durch typisch skandinavisches Möbeldesign beeinflusst ist. Auch wenn es sehr schlicht und reduziert ist, wirkt es dennoch warm und wertig. Die Kojen im Vorschiff sind bequem und die Hundekojen sind so groß, dass dort ausgewachsene Bernhardiner Platz finden würden.

Unter Deck ist es überraschend geräumig. Die Küchenausrüstung genügt leicht für einen Urlaub von Hafen zu Hafen – wer nicht auf Camping-Niveau speisen möchte, geht sowieso ins Restaurant.

Das Design des Schiffes insgesamt ist sehr konsequent und ansprechend, nur zwei Dinge sind mir spontan aufgefallen: Zum einen würde ein unter Deck verbauter Fockroller die Frontpartie noch etwas edler wirken lassen und zum zweiten fällt der Plotter in dem für diese Bootsgröße riesigen Cockpit, ohne den ich in dem Labyrinth aufgeschmissen gewesen wäre, aus meiner Sicht etwas aus dem Rahmen. Optisch würde da vielleicht ein schickes Tablett hineinpassen. Aber hier muss man natürlich ganz klar die bessere Funktionalität und Zuverlässigkeit eines richtigen Plotters sehen.
Daran merkt man auch, dass hier ein seetaugliches Segelboot entworfen wurde und nicht nur ein Schmuckstück für die Vitrine.

Meist bedeutet “Form follows function” eine Priorisierung und somit einem Kompromiss zwischen zwei Designzielen. Mit der Life 7.5 ist Peter Keerberg allerdings ein Schiff gelungen, das eine vollendete Form mit absoluter Funktionalität vereint, und das nicht nur für die Schären sondern auch für den Bodensee geeignet sein würde. Wem die Esse 850 zu wenig wochenend- und fahrtentauglich, die Alphena One zu wenig sportlich, eine Brenta zu teuer ist und die meisten anderen Boote zu unansehnlich sind, der sollte also schleunigst einen genauen Blick auf die Life 7.5 werfen.

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