Wie vereinbart stehe ich kurz nach 12 Uhr vor einem leicht geöffneten Rolltor einer ehemaligen Industrieanlage in Jesenice, Slowenien. Hier soll die Firma Ocean Tec, die für Seascape laminiert, ihren Sitz haben. Ein Firmenschild finde ich zwar nicht, erkenne aber die Fassade aus dem ersten Video der Seascape 27. Verabredet bin ich mit Andraz Mihelin, dem Chef von Seascape.
Ich kann es mir nicht verkneifen, vorab einmal unter dem Tor durch zu spähen. Was da schon fast drohend vor mir steht, haut mich beinahe um. Von den Bildern wusste ich, der Vorsteven ist rund. Wie rund und fett der Steven allerdings ist, können die Bilder nicht einmal ansatzweise zeigen. Die SSC27 steht da wie ein Pitbull.
Endlich kommt Andraz Mihelin ums Eck. Wir halten uns nicht lange mit Höflichkeitsfloskeln auf. Ich, wild die Kiste zu sehen, er, offensichtlich heiß mir das Gebaute zu zeigen und die Hintergründe zu erklären.
Wenn man Andraz Mihelin zuhört, ist das Rezept für die SSC27 recht einfach. Man kreuzt eine Pogo 6.50 mit einer Surprise und Mumm 30. Frei von einer Boxrule zieht man die Breite und Länge auf ein optimales Maß. Holt noch ein paar fähige Bootsbauköpfe und renommierte Rigger dazu und raus kommt zwangsläufig die SSC27.
Es wird sicherlich nicht ganz so einfach gewesen sein, aber rausgekommen ist ein wirklich durchdachtes Konzept.
Vorab hatte ich bei Betrachtung der Renderings nur 2 Punkte über deren Funktion ich mir nicht sicher war. Zum einen, ob das mit dem Motor im Schacht so gut funktioniert, und zum anderen das Großschotsystem.
Die Großschot wird von der Baumnock nach vorne unter dem Baum umgelenkt und kommt ca. 40 cm vor dem Niedergang nach unten auf einen drehbaren Fußblock mit Klemme. Der Zugang in die Kajüte wird nur minimal eingeschränkt. Persönlich bin ich nicht unbedingt ein Freund dieser Position, aber bei Revieren mit mehr Wellengang ermöglicht diese Position ein gutes Anpumpen mit dem Groß auf der Welle bei Downwindkursen. Was ich wirklich gut finde ist, dass der Großtrimmer und der Vorsegeltrimmer die Plätze getauscht haben. Die Travellerschot wurde fast bis zum Deckshaus umgelenkt. So hat der Großtrimmer direkten Zugriff auf sämtliche Trimminstrumente und kann bei einer 3-Mann Crew ohne lange Wege die Fallen und auch die Furler bedienen.
Das Handling vom Schachtmotor hat mich trotz meiner Skepsis überzeugt. Die Mechanik für den Rumpfverschluss im Motorschacht wird in der Serie noch etwas verfeinert und die Pinne ca. 25 cm höher gezogen. Da wird kaum der Wunsch nach einem Saildrive aufkommen. Für die 10 PS Variante ist noch eine zusätzliche Klappe im Schachtdeckel notwendig, da der Motor im Betriebszustand ca. 5 cm zu hoch ist. Ob es dann die 10 PS sein müssen oder ob 6 PS ausreichen, müssen die künftigen Eigner für sich entscheiden. Wer nicht ausschließlich auf Binnenrevieren unterwegs ist, für den ist die 10PS Variante sicherlich die bessere Wahl. Mit Halbgas schafft es die SSC27 dann immerhin auf 8 kn Marschfahrt.
Beim Deckslayout merkt man die Mini 6.50 Erfahrung. Alles ist für kleine Crew ausgelegt und am richtigen Platz. Die Serie soll dann mit innovativen Fallklemmen ausgestattet werden. Auf Bildern hatte ich sie schon gesehen. Das wird sicher spannend.
Ich würde mir höchstens noch einen Unterflur-Endlosroller für die Fock wünschen. Was wegen der Beschlagsanordnung aber leider nicht geht. Die Fockschot kann bis auf 6° Anstellwinkel nach innen gebarbert werden. Dann läuft die Schot aber etwas ungünstig über das Deckshaus. Da die SSC27 auf höheren Kursen als ca. 38° aber wegen der Chines etwas langsamer segelt, wird das nur bei einem Luvmanöver im Zweikampf mit einem anderen Boot zum Tragen kommen.
Die Waschborde im Bereich des Cockpits werden in der Serie zum bequemeren Ausreiten wesentlich niedriger und runder.

Der geplante Bergeschlauch für den Gennaker wird wohl erst einmal zurückgestellt und geht nicht in Serie. Bei Zulassung nach Kategorie B muss das Vorluk nämlich verschlossen werden. Wir haben hier am See aber Segelmacher mit ausreichend Drachenerfahrung, die genügend Bergesysteme gesehen und entworfen haben. Für uns Binnensegler wird da also sicher was kommen.
Die Kajüte hat mich erstaunt. Die bisher veröffentlichten Bilder wurden nicht gepimpt. Das Raumgefühl ist wirklich enorm. Eine Stehhöhe von 1,6 m halte ich für ausreichend um z.B. in das Ölzeug zu schlüpfen. Die Sitzbänke werden im Offshore-Ausbau mit anstellbaren Liegeflächen und Leesegeln ausgestattet. Auf Schränke wird hingegen verzichtet. Es sollen einzelne Taschen für jedes Crewmitglied designt werden, die an ein Hängesystem an die Bordwand kommen. Der Kajüttisch soll auch im Cockpit Verwendung finden. Zum besseren Sitzen im Cockpit hab ich noch Dummys für Hocker gezeigt bekommen.
Beim Boot wird immer von 4 Schlafplätzen gesprochen. Ich meine allerdings, dass man in die Hundekojen locker noch 2 Erwachsene schieben kann. Dann müssten die Segel für die Nacht aber wo anders gestaut werden.
Der Unterwasser-Abschnitt der Rumpfschale vom Prototype ist noch aus Soric-Schaum. Dies wurde gemacht, um das Boot besser aus der Form zu bekommen.
Die Jungs von Seascape glauben aber, dass sie den Schlupf nicht brauchen werden. Daher wird in der Serie das Soric auf normalen 15 mm Schaum-Sandwich geändert. Das Positive, neben der höheren Steifigkeit, ist, dass der Rumpf um weitere 80 kg leichter werden wird.
Auch über die Klassenvorschrift macht man sich bei Seascape schon jetzt Gedanken.
Zwei wichtige Punkte sind bereits klar. Es wird kein Code-0 zugelassen und es soll ein Handicapsystem ähnlich wie beim Golf eingeführt werden. D.h. in Klassenregatten wird es Sieger nach gesegelter und Sieger nach klasseninternem Handicap geben. Das klingt sehr familien- und einsteigerfreundlich und auch für die Topcrews fair.
Mein Fazit zur Seascape 27: Was ich gesehen habe, halte ich für einen auch für den Bodensee echt gelungenen Crossover. Mal sehen, was die geplanten Belastungstests im Herbst am Gardasee bringen.
Andraz Mihelin meinte, geübte Crews würden immer den Topgennaker fahren. Und das bei tatsächlich jedem Wind!
Alex segelt am Bodensee die Mono 22 und ist bei Sportboot-Bodensee.org der Spezialist für Technik sowie die Reviere rund um die Adria.
